Szene
Computerspielsucht: Albtraum in Azeroth

Videogames bringen Fun ins Haus. Wer sich aber in den Weiten der Fantasywelt verirrt und vor lauter Daddelei kaum noch zum Essen und Schlafen kommt, hat ein Problem. So wie Benjamin.
Der Druide schlägt sich durch die Geisterlande, vorbei an dunklen Wäldern und tiefen Sümpfen. Da, rechts taucht aus dem Gehölz ein fieser Gnom auf. Zwei, drei, vier Axthiebe – erledigt. Von links springen mehrere Stacheleber über den dunklen Pfad. Schnell hinterher – erlegt. Jetzt hinein in den Dungeon, irgendwo muss der verschollene Heiler doch stecken!
Für Benjamin ist das kein Spiel, sondern bitterer Ernst. Der Rheinländer sitzt gekrümmt vor dem PC, lässt die Maus blitzschnell über den Tisch kreisen, blickt todernst auf den Bildschirm. Benjamin ist 13, als er sich einen Virus einfängt, der erst eine akute Infektion, später ein chronisches Leiden auslöst: die Sucht nach Computerspielen. Der Überträger: ein Kumpel von ihm, der gedanklich schon längst nach Azeroth übergesiedelt ist, in die fantastische Welt des Onlinerollenspiels World of Warcraft (WOW).
Heimat in Azeroth
Hier wird auch Benjamin schnell heimisch. In Azeroth ist er ein Druide der Tauren-Rasse und kämpft unermüdlich für die „Horde“ – gegen die „Allianz“. Von Tag zu Tag steigert er sich mehr in seine neue Rolle hinein. „Die Begeisterung ist natürlich groß, wenn man anonym bleiben kann, Spaß am Spiel hat und am besten auch noch erfolgreich und beliebt ist“, erklärt er. Vormittags Schule, schnell nach Hause geflitzt, eine Pizza in den Ofen geschoben, wenn überhaupt – und dann bis in die Nacht durchgezockt. Im Schnitt sieben bis acht Stunden streunt Benjamin jeden Tag durch Dun Morogh, Loch Modan und den Wald von Elwynn. In der schulfreien Zeit verlegt er sein Feriencamp komplett ins Fantasyland – und daddelt 12 bis 13 Stunden täglich.
In der realen Welt müht sich eine andere Allianz mit Benjamins Spezies ab. Beratungsstellen für chronische Zocker erweitern deutschlandweit ihr Angebot, Angehörige gründen immer neue Selbsthilfegruppen. An der Uniklinik Mainz eröffnete vor rund zwei Jahren die Ambulanz für Spielsucht, die seitdem Gruppentherapien für Computerspiel- und Internetsüchtige anbietet. Auch im Nachbarland Niederlande gibt es mittlerweile eine ähnliche Einrichtung, die Smith-&-Jones-Klinik in Amsterdam. Alles aus einem Grund: Immer mehr Menschen, hauptsächlich Jungs und Männer, verfallen der Gier nach Games – und kommen kaum noch vom Bildschirm los.
Dabei sind Computerspiele an sich gar kein Teufelszeug. Viele Psychologen sind sogar davon überzeugt, dass Videogames die Denkfähigkeit verbessern und die Sinne schärfen können. Besonders in Verruf geraten sind aber Rollenspiele. „World of Warcraft hat in vielerlei Hinsicht Ähnlichkeit mit Spielautomaten oder Roulette“, glaubt etwa Regine Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN).
Reich und schön, erfolgreich und stark
Auch Benjamin ist gierig und unersättlich. Er knöpft sich Gnome und Elfen vor, sammelt Goldstück um Goldstück, um sich neue Rüstungen, Waffen und Charakteraufwertungen zu verdienen – und um innerhalb seiner Gilde immer weiter aufzusteigen. Denn richtig vorwärts kommt nur, wer sich mit mehreren Spielern in Gilden, also Kampfeinheiten, zusammenrottet. Die User sitzen dann in den verschiedensten Winkeln Deutschlands mit einem Headset vor dem Monitor und kommunizieren so direkt mit ihren Kampfgefährten. Regelmäßige Anwesenheit in Azeroth ist für jedes Mitglied Pflicht. Andernfalls gibt es Stress, weil die Gilde ihre Aufgaben nicht meistern kann.
Benjamin aber meistert die verschiedenen Quests mit Bravour – sein Druide wird immer stärker, immer beweglicher, immer klüger. Der Junge aus einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz genießt auf einmal Respekt und Anerkennung, Ruhm und Ehre – und kann nicht genug davon kriegen. „Ich habe nach einer Weile mein Zeitgefühl immer weiter verloren und immer länger gespielt.“ Sein Alltag: eine ständige Flucht wieder raus aus dem Alltag. Denn was in der einen Welt unerreichbar zu sein scheint, ist in der anderen nur einen Zauberspruch oder Schwerthieb entfernt.
Schock auf der Waage
In Azeroth steigt er auf, auf Planet Erde stürzt er ab. Benjamin verputzt vor dem Monitor am liebsten Schokoriegel, Pizza und Burger – und ähnelt in natura so gar nicht mehr den Gardemaßen seines kraftvollen Avatars. Rund 20 Kilogramm legt er in etwa zwei Jahren zu. Als Erstes sackt seine Sportnote ab, später alle anderen. Einer Ehrenrunde durch die neunte Klasse entgeht er nur um Haaresbreite. Seiner Mutter wird es zu bunt. Sie überlegt sich Gegenmaßnahmen, versucht den Internetzugang ihres Sohnes zu blockieren. Vergeblich. Vom Rechner loseisen kann sie ihn nicht. Auch Benjamins Freundeskreis schrumpft, für seine Mitschüler ist er sowieso nur noch der „Suchti“.
Für Benjamin steht eines Tages ein wichtiges Referat an: Musik. Widerwillig fängt er an zu lernen, denn eigentlich geht ja die Zockerei vor. Mit letzter Kraft aber warnt ihn seine innere Stimme vor dem endgültigen Versagen in der Schule. Irgendwie „wendete sich da das Blatt“, meint Benjamin. Er steigert sich in die Welt von Tonleitern und Trompeten ähnlich hinein wie zuvor in die von Orcs und Magiern. Das Referat sitzt, der Lehrer ist begeistert.
Den Schwung nimmt Benjamin mit auf Klassenfahrt. Dort muss er immerhin fünf Tage ohne PC und Internetzugang auskommen. Der mittlerweile 16-Jährige merkt: Es geht auch ohne Zockerei. Während die anderen Gamer bis tief in die Nacht auf ihren Handheld-Konsolen rumdrücken, quatscht Benjamin mit den Mädels und hat Fun mit seinen Klassenkameraden. Leicht fällt ihm die Abstinenz trotzdem nicht. Wieder zu Hause, kribbelt es Benjamin in den Fingern, er will den Rechner hochfahren, er will zocken. Oft ist er deswegen gereizt, manchmal sogar depressiv. „Das war eine harte Zeit“, sagt er. Aber er bleibt standhaft.
Feuer löschen, statt Monster töten
Das ist jetzt erst wenige Monate her. Seine Freizeit widmet er nicht mehr seiner Gilde, sondern den Kollegen von der Feuerwehr. „Das schluckt zwar auch viel Zeit, macht aber Spaß“, sagt er über sein neues Lieblingshobby. „Ich fühle mich viel freier als vorher“, sagt er glücklich. „Ich kann wieder mit Freunden was machen und abends ins Bett gehen, ohne an ein Spiel zu denken.“ Aus seiner Abhängigkeit hat er sich jedenfalls befreit – ganz alleine.
Ganz ohne Quests aber geht es dann doch nicht. Die größte steht bald an: das Abitur. Für die Zeit danach plant Benjamin einen Raubzug durch die Uni, wo er viele Credit Points einsammeln will. Ein persönliches Upgrade wäre ihm so fast sicher, in Form eines tollen Jobs zum Beispiel. Aber, da hat sich Benjamin schon festgelegt, bitte nicht in der Computerbranche.
Info
Wer glaubt, mit seiner Computerspielsucht nicht alleine fertig zu werden, kann sich auch Hilfe von außen holen. In Selbsthilfegruppen wie den „Anonymen Spielern“ tauschen sich chronische Zocker untereinander aus. Zudem existieren in ganz Deutschland Suchtberatungsstellen für Betroffene. Nach Postleitzahlen sortiert findet ihr diese zum Beispiel unter: www.aktiv-gegen-mediensucht.de.



























Kommentare zu diesem Artikel
Valo-DGT sagt
mal ganz ehrlich , man muss schon bissel bescheuert sein wen man ein game kauft und jeden monat nochmal 40 euro .
warum geben die eltern dem kerl noch geld wen die wissen , dass er sein geld zu fenster rauswirft
02. Januar 2011 um 18:26 Kommentar melden
Valo-DGT sagt
gamesucht ??
der kleine kiddy noob soll mal in css kommen , kasiert er n heady und fertig ^^
02. Januar 2011 um 18:24 Kommentar melden
haras sagt
die habe ich einbisssen
11. Oktober 2010 um 17:02 Kommentar melden